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.: Il mio l´anno scorso :.


Ich sitze in meiner kleinen Dachgeschoßwohnung über den Dächern von Rom. Es ist mittlerweile Winter geworden. Die Stadtarbeiter bringen die letzten Weihnachtsbeleuchtungen an Häuserwänden und Straßenlaternen an. Alle sind in geschäftiger Aufregung, sei es weil grade vor und zu Weihnachten besonders Viele in die Kirche gehen um, um Vergebung zu bitten oder einfach weil man sie sich wie jedes Jahr „viel zu spät“ um die Weihnachtsgeschenke für die Liebsten gekümmert haben. Ich sitze an meinem kleinen Schreibtisch und denke mir, dass ich eigentlich glücklich sein müsste, da ich mir diesen Streß sparen kann. Meine Großeltern sind mittlerweile seit langer Zeit verschieden, meine Eltern sehe ich nur, wenn ich mal Urlaub bekomme oder sie sich aus Deutschland hierher verirren. Die bekommen wie jedes Jahr einen Brief und Bilder, um ihre Nostalgiesucht zu befriedigen. Ich werde dieses Jahr, wie eigentlich immer an Weihnachten, in meinem kleinen, aber feinen Ristorante in der Küche stehen und für andere Menüs zusammenzaubern.
Ich sehe aus meinem Fenster, als es gerade anfängt zu schneien. Leise lächle ich in mich hinein, ich mag den Winter. Trotzdem beschleicht mich ein komisches Gefühl, so als ob sich eine Art Schatten auf mein heiteres Gemüt gelegt hätte. Ich blicke auf das Blatt mit dem Rezept das auf meinem Schreibtisch liegt. Plötzlich kommt es mir in den Sinn – Das ist das Menü das deine Ex so toll fand – der Gedanke an sie macht mich traurig und zugleich wütend. Traurig, weil ich bis heute nicht begreife wieso ich damals so an ihr hing, obwohl alles schief lief was nur irgends möglich war. Wütend, weil das was sie getan hat sehr weh tat und mich eine Zeit aus der Bahn warf, dass ich glaubte ich träume und könne nicht aufwachen.
Ich nehme den Zettel mit den Rezepten in die Hand und überfliege ihn kurz. Als Vorspeise habe ich damals eine Suppe aus Karotten, Ingwer und Minze kreiert. Dann betätigte ich mich mit meiner Spezialität, Lamm. Die Filets drapierte ich an Kartoffel-Trüffel-Püree und grünen Spargelköpfen, dazu machte ich eine einfache, helle Soße, die die Nuancen der einzelnen Zutaten nacheinander hervor heben sollte. Als Desert bereitete ich Eis aus Joghurt mit Raspeln aus weißer Schokolade, dazu legte ich ein feines Gitter aus Karamell und bestäubte das ganze mit dem feinsten Kakaopulver aus Venzuela. Auf ihr Drängen nahm ich das Menü genauso auf die Karte und verdiente mir damit meinen ersten Stern als Koch.
Naja, als ich eben so da sitze und siniere, muss ich auch an Tania denken. Was die wohl grade im nochkälteren Finnland so treibt !? Ich greife aus dem Stapel Papier eine Seite und suche nach meinem Füller. Ich glaube, dass sich das nie ändern wird – meine Unordnung ist schon fast so eine Art Heiligtum. Als ich den Griffel endlich unter einem Wust von Papieren und Klamotten finde, will ich gleich ansetzen. Keine zwei Sekunden nachdem ich angesetzt habe, schießen mir mehrere Fragen durch den Kopf – wo soll ich nur anfangen ? wie lange hast du schon nicht mehr mit ihr geschrieben ? Was weiß sie vielleicht schon durch Andere ? – also sinniere ich darüber erstmal bei einer Zigarette und Musik. Nach circa 10 Zigaretten und einer guten Stunde intensivem Nachdenken fange ich an den Brief an dich zu schreiben.


„Hey Tania,

ich weiß, ich hab mich lange nich gemeldet. Das tut mir schrecklich Leid, aber ich weiß nicht mehr wo mir der Kopf steht. Ständig kommen irgendwelche Typen, die mich egal wie für ihr Restaurant oder ihr Hotel als Koch wollen. Ach, entschuldige ich hab dir das noch gar nicht erzählt, ich hab meinen ersten Stern. Ja, du hast einen Sternekoch als Freund.
Ich werde dir glaub ich erstma n bisschen was über mein Privates erzählen müssen. Es ist viel passiert im letzten Jahr. Wie du sicher noch weißt bin ich mit Alice zusammen…naja wohl mehr zusammen gewesen. Es war ja nie leicht mit ihr ne Beziehung aufrecht zu erhalten. Es gab eben ne Menge Hochphasen, aber eben genauso viele Tiefphasen. Francesca und Matteo wollten mich immer beschützen, genau wie du. Ich erinner mich an die endlosen Gespräche und Briefe in denen du mir sagtest ich solle es beenden, um mich selbst zu schützen. Ich wollte wohl nicht hören, denn ich führte die Beziehung einfach weiter, ohne an mich zu denken oder zu sehen in welchen Rahmen Alice mich pressen wollte. Irgendwann sagte sie mir, dass sie mehr für mich empfinde, als sie es jemals für nen Freund in einer Beziehung empfinden könne. So entwickelten wir unsere Beziehung zu einer Geschwisterbeziehung, die aber irgendwie nicht funktionieren wollte. So geschah es an einem Abend, dass ich bei ihr war, wir ein Glas Rotwein tranken, uns unterhielten, bis sie auf die Dachterrasse wollte um sich die Sterne anzusehen. Ich konnte nichts dagegen einwenden – warum auch?! Als wir dann so dort oben auf der Decke lagen und schauten, überkam mich das Gefühl einen Fehler zu begehen, wenn ich noch länger bliebe – dennoch blieb ich. Sie begann mich zu streicheln und zu kraulen, rückte näher an mich ran, drehte sich zu mir. Ich versuchte mich zu beherrschen und sie davon abzubringen weiter zumachen. Sie begann sanft mich zu küssen. Zuerst erwiderte ich die Überfallaktion nicht .Bald aber war ich zu sehr von ihrer Massage an meiner goldenen Mitte zu abgelenkt, dass ich mich hingab. Wir verschmolzen zu einer küssenden, massierenden und schwer atmenden Masse. Dann unterbrach sie alle Zärtlichkeiten und fragte mich was wir denn da tun würden. Ich antwortete darauf, dass es wohl das sei, was wir beide wollen. Darauf gingen wir wieder in ihre Wohnung, wo wir das angefangene Spiel weiterführten. Ich könnte mich heute dafür ohrfeigen, dennoch ist es passiert.
Naja, also weiter im Text. Irgendwann kam ihr Geburtstag, ich wusste nicht was mich dazu brachte hin zugehen. Wahrscheinlich aus reiner Höflichkeit oder so. Wir hatten einen tatsächlich halbwegs annehmbaren Abend, bis zu dem Punkt, an dem sie mir auf der Dachterrasse sagte, was sie mit mir tun würde, wenn kein anderer Gast (mehr) da sei. Heute, dass sei dazu gesagt, bestreitet sie das gesagt zu haben oder schiebt es auf den Alkohol, der zu diesem Punkt noch nicht so fließen wollte. Naja, gesagt hat sie es und zerriss mich am selben Abend mit der Tatsache, das sie gegen Ende des Abends mit ihrem damaligen und wohl auch jetzigen Freund wieder zusammenkam .Irgendwann zerstritten wir uns über sehr viele Einzelheiten. Ich konnte und wollte nicht mehr. Also nahm ich alles an Mut und Selbstvertrauen zusammen und sagte ihr das ich das nicht mehr kann und will und das sie jetzt ohne mich klar kommen muss. Ich glaube, es verletzte sie mehr, als der größte Teil der Enttäuschungen ihres bisherigen Lebens, dennoch musste ich an mich denken, verstehst du ?! Sie versuchte sich einige Male zu entschuldigen und mich zurück zugewinnen, aber es war zu spät.


Mir ging es erstaunlich gut, ich fühlte mich frei, unbeschwert und lebensmutig. Zudem hatte ich auf der Feier ein recht nettes Mädchen kennengelernt. Sie heißt Chiara, ist 28, frisch getrennt – und total betrunken gewesen. Aber in ihrer eigenen Art, selbst betrunken süß. Wir hielten viel Konversation, verstanden uns echt gut, teilten eine Menge gemeinsamer Ansichten und entwickelten auf eine recht interessante Art Gefühle für einander. Eines Tages entstand durch eine Spontanaktion, mein Restaurant hatte ich wegen akutem Personalmangel die Woche schließen müssen, unser erstes Treffen bei mir. Wir redeten, lachten viel, tranken auf unser beider Leben – bis wir uns tief in die Augen sahen und die Zeit der Welt anhielt. Wir küssten uns innig und ich beging den selben Fehler wie bei Alice. Wir liebten uns auf einer Ebene die mir bei Alice immer verwehrt geblieben war. Es war eine sehr, sehr schöne Zeit mit ihr, jeder Moment schien ewig zu dauern. Ich lernte Liebe neu zu definieren.
Irgendwann bekam ich das Angebot, für drei Wochen nach Kuba zu fliegen um meine kulinarischen Ideen auf einer internationalen Konferenz mit anderen Spitzenköchen auszutauschen und zu teilen. Ich fragte mich, ob ich das Angebot annehmen sollte. Schließlich war der Reiz größer, als die Besorgnis über mein Geschäft, Chiara und meine Freunde. Für das Geschäft suchte ich mir eine Aushilfe der ich erklärte, wie welches Gericht zu verstehen sei. Meine Freunde freuten sich wahnsinnig, dass man mich ausgesucht hatte und wünschten mir Alles Gute und hofften ich bringe viele, neue Ideen mit, die ich ihnen zeigen könnte. Ja und dann das Problemkind – Chiara – sie war traurig, als ich ihr sagte, dass ich nach Kuba fliege. Sie sagte, sie werde mir jeden Tag eine E-Mail schreiben, um sicher zugehen, dass es mir gut geht. Ich flog nach Havanna, checkte im Hotel ein und forderte den Portier auf, er möge mir erklären wie ich mit meinem Laptop ins Internet komme. Bereitwillig zeigte er mir die Möglichkeiten. Die erste Woche schrieben wir uns wie frisch Verliebte und erklärten uns, wie sehr wir uns vermissten. So wurde sogar die Zeit erträglich.
Doch nach eineinhalb Wochen wurden die E-Mails anders. Weißt du wie gezwungene Freude klingt ?! Es kam mir komisch vor, da sie nicht mehr von Liebe sprach, sondern lediglich wie es ihr auf der Arbeit erginge. Nach knapp 2 Wochen fragte ich sie, was mit ihr passiert sei. Sie müsse es mir erklären, wenn ich wieder in Rom sei.“


Ich blicke auf die Uhr. Es ist mittlerweile fast 23 Uhr. Ich sitze hier seit nun fast drei Stunden und grübele über das nach was mir im letzten Jahr alles wiederfahren ist. Der Schneefall wird immer heftiger, die ersten Dächer sind weiß bedeckt. Ich drehe die Heizung ein wenig weiter auf, um es ein wenig kuscheliger zu machen. Als ich den Brief kurz überfliege, stelle ich fest, dass sich einige Tränen den Weg auf das Papier gebahnt haben. Ich gehe kurz runter in die Tabaccheria. Der alte Giacomo begrüßt mich: Ciao Niccolo, come stai? Le stesse cose come sempre ? Wie es mir geht ? Ich weiß es leider nicht, sage dem netten, alten Mann aber das es mir gut geht. Was seine zweite Frage angeht; diese verneine ich mit einem Kopfschütteln und den Worten: Cinque grande pacchi del Marlboro ed un billetto per il LOTTO. Er ist zwar erstaunt, was mir seine großen Augen zu verstehen geben, gibt mir aber die Zigaretten und den LOTTO-Schein. Ich bezahle, wünsche ihm einen schönen Tag und verschwinde im Schneegestöber und eile in meine Wohnung zurück.

~~

Wieder zurück in meinem warmen Nest eröffnet mir der Kühlschrank, nach dem Öffnen, das er quasi umsonst läuft, da ich gestern vergessen hatte einzukaufen. So schaute mich das Glas „Mixed Pickles“ ein wenig sauer an, während mich das Licht blendet und mir klar wird, dass es irgendwo traurig ist, als Koch einen leeren Kühlschrank zu haben. Ich suche mir die Packung „Biskotti“, welche normalerweise mein Frühstück sind und trotte zurück an meinen Schreibtisch. Die zwei Aschenbecher schauen mich beleidigt an, da ich sie in den letzten Stunden mehr als überfüllt habe und sie noch nicht ausgeleert habe. Dieses Versäumnis hole ich sofort nach. Ich entkorke mir eine Flasche schweren Rotwein aus Spanien und widme mich wieder dem Brief an Tania.


„Ich bat sie darum, mir doch bitte sofort zu erklären, was passiert sei. Zuerst wollte sie mir nichts sagen, doch wie ich nunma bin, lies ich nicht locker. Sie erzählte mir schlussendlich, dass sie bei ihrem Ex Tommaso gewesen sei. Sie haben geredet, sich dann angeblich gezofft und sind danach im Bett gelandet. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Mein Magen verkrampfte sich, ich wollte darüber lachen und gleichzeitig weinen, zusätzlich baute sich eine Art Selbsthass auf, welcher sich aus der Frage projizierte, warum ich nach Kuba fliegen musste. Und es baute sich ein unglaubliches Unverständnis über ihre Tat aus. Ich wusste nicht was ich tun sollte, geschweige denn was ich ihr sagen sollte.
Die letzte Woche verbrachte ich nahezu schweigend und in totaler Kontemplation. Keines meiner Gerichte wollte mir gelingen, was mir allerdings niemand krumm nahm, da Alle gemerkt hatten, dass mich etwas beschäftigte und ablenkte. Eine andere Konferenzteilnehmerin aus Argentinien sprach mich kurz vor Ende der dritten Woche an und erkundigte sich, ob sie fragen dürfe, was mich so beschäftigt. Ich erklärte ihr, dass meine Freundin mir fremdgegangen war, woraufhin sie mir den Tipp gab, ich solle sie in die Wüste schicken."
<-- Fortsetzung folgt ab morgen !!!


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